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Speisen unter freiem Himmel

Speisen unter freiem Himmel

Ein Gartendinner bei Annalinde in Leipzig. Zwischen Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und Bildung – Einblicke in ein urbanes Landwirtschaftsprojekt


Ein lauer Sommerabend im August. Ich sitze auf einem kleinen Holzhocker, über mir hängen bunte Lampions. Die Baumschaukel hinter mir wird schon seit geraumer Zeit von einem kleinen Mädchen eifrig in Beschlag genommen. In einer Ecke des Gartens stehen ein paar Männer und Frauen, die wenig später mit gefüllten Weingläsern zurück kommen. Auf der anderen Seite sehe ich eine offene Küche, in der vier Köche zugange sind. Lange Tafeln sind mit weißen Tischtüchern gedeckt. Auf jeder stehen frische Blumen und kleine Weckgläser, die zu späterer Stunde noch ihren Dienst als Teelichter erweisen werden.

Das Gartendinner im Gemeinschaftsgarten (Quelle Annalinde)

Das Gartendinner im Gemeinschaftsgarten (Quelle Annalinde)

Wenn ich so um mich blicke, sehe ich einen bunten Haufen an unterschiedlichen Menschen: Die Studenten am Nachbartisch besprechen noch schnell ihre spätere Abendplanung, neben mir hat gerade eine junge Juristin Platz genommen. Mit dem Architektenpärchen gegenüber, beide leidenschaftliche Hobbyimker, komme ich sofort ins Gespräch. Vor uns liegen vier Gänge unter freiem Himmel mit den besten Zutaten frisch aus dem Garten. Die meisten Gäste mögen sich hier zum ersten Mal sehen und doch scheint alles so unbefangen: Hier im Grünen zu sitzen, um gemeinsam zu Abend zu essen. Beim Gartendinner von Annalinde.

Hinter dem anmutigen Namen steckt nicht etwa eine freundliche Gastgeberin sondern ein urbanes Landwirtschaftsprojekt im Leipziger Westen. Mit offenem Gemeinschaftsgarten und einer Gärtnerei, gegründet 2011 mit dem Ziel, Gemeinschaft praktisch zu leben und den Sinn für einen nachhaltigeren Umgang mit Lebensmitteln zu schärfen.

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Ortswechsel zum zweiten Steckenpferd von Annalinde: Die Gärtnerei

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Ein Blick hinter das Gartentor

Seit dem Gartendinner sind mittlerweile drei Monate vergangen. Heute treffe ich zum ersten Mal ein Gesicht dahinter: Philipp Scharf ist Chefgärtner der Gärtnerei. Mit schnellen Schritten kommt er mir entgegen gelaufen und empfängt mich am orange gestrichene Gartentor, das inmitten der bunt bemalten Lattenumzäunung fast schon ein wenig versteckt wirkt. Er führt mich über das Gelände und öffnet die Gewächshäuser, damit ich einen Blick auf ihr Innenleben werfen kann. Aus der Ferne zeigt er mir eine Reihe von Bienenstöcken. Die Imker? Jenes Architektenpärchen, das ich bereits beim Gartendinner kennenlernen durfte.Wir gehen weiter zu den meterlangen Beeten, schlendern an Kopfsalat, Kräutern und Grünkohl vorbei. Immer wieder zupft er Blätter von Jungpflanzen ab, kostet davon, und streckt mir anschließend seine Hand hin: „Probier mal!“ Ich zögere kurz. Ich habe wenig Ahnung davon, was hier so rege wächst und gedeiht. Aber ja, ich bin neugierig und nehme die kleinen, grünen Blätter in den Mund. Der Oregano schmeckt ausgesprochen scharf. Der Winterpostelein leicht nussig.

Der Winterpostelein – auch Winterportulak genannt – ist besonders winterhart und reich an Vitamin C, Kalium, Calcium und Eisen. Verwendung findet er u.a. als Salat, gedünstet wie Spinat oder in Kräuterquark.

Dann beginnt er zu erzählen. Ich erfahre mehr über das Dinner „Aus Nachbars Garten“, den Jungpflanzenverkauf namens „Prinz Charles“ und „Viva la Vielfalt“ – ein Begegnungsprojekt mit Flüchtlingen. Schnell merkt man dem 28-Jährigen an, dass Annalinde für ihn mehr ist als nur Arbeitsstätte. Ein wichtiger Lebensmittelpunkt sei daraus geworden, enge Freundschaften unter den Mitwirkenden gewachsen. Gebürtig aus Zwickau, hat es den studierten Gartenbauingenieur 2011 nach Leipzig verschlagen, um beim Aufbau des Projekts mitzuwirken.

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Und was steckt noch so hinter Annalinde? Philipp Scharf erzählt.

Gelebte Gemeinschaft mit Bildungsauftrag

Vier Jahre nach der Gründung gedeihen unter dem Dach von Annalinde nicht nur Lebensmittel, sondern auch zahlreiche Nebenprojekte, Angebote und Veranstaltungen. Neben dem Chefgärtner Philipp Scharf und dem Gründer Dominik Renner wird das Programm von rund 20 Ehrenamtlichen organisiert und durchgeführt. Bildung ist dabei ein besonderes Anliegen der Mitglieder. So beraten sie beispielsweise Städte und Garteninitiativen beim Aufbau und Erhalt urbaner Gärten. Ziel ist es, die Entwicklung von Nutzgärten in der Stadt zu fördern und sie als Orte der Begegnung, des Lernens, der Beteiligung und der Naturerfahrung aufzubauen. Unter den derzeit zehn Kooperationen befinden sich Kindergärten, Schulen und soziale Einrichtungen. Dabei ist die Gärtnerei in der Lütznerstraße mittlerweile selbst zum Terrain sozialer Arbeit geworden: In Zusammenarbeit mit der Diakonie in Panitzsch haben Mitglieder einer Behindertenwerkstatt den Anbau von Kartoffeln und Kürbissen für Annalinde übernommen. Darüber hinaus ist sie Einsatzort der sächsischen Lehmbaugruppe, in der Aktivierungsmaßnahmen mit arbeitslosen Jugendlichen durchgeführt werden. Manch Schulabsolvent hat hier schon seinen Bundesfreiwilligendienst absolviert, so mancher Student sein Praktikum.

Und wie steht es um die Zukunft von Annalinde selbst? Die Köpfe schmieden bereits eifrig Ideen für neue Projekte, darunter eine Streuobstwiese und ein nachhaltiges Energiekonzept. Die Gärtnerei will ihr Angebot an Gemüse-Abokisten ausbauen. Die ersten 25 Abonnenten kommen bereits in den Genuss der gepackten grünen Kisten. Beim Gemeinschaftsgarten hingegen stehen Verhandlungen mit der Stadt um eine Mietverlängerung ab 2017 vor der Tür. Damit das Gartendinner auch in Zukunft Leipziger und Wahlleipziger an einen Tisch bringt. Was sicher ist: Das Konzept um Annalinde soll weiter reifen und sich noch stärker auf städtischer Ebene verankern, damit der Ort nicht nur eine Bildungs- und Begegnungsstätte bleibt, sondern auch weitere Arbeitsplätze schafft.

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Text und Bild: Sabrina Lieb. Veröffentlicht im Stadtführer „Leipzig so gesehen.“ 168 Seiten. Erschienen 2016 bei Scotty Scout Reiseführer. Blick ins Buch und Stadtführer kaufen