Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust 

Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust

Leipzig, Hannover, Mannheim – wie lässt sich Freundschaft auf Distanzen aufrecht erhalten? „Immer mal wieder raus und unter sich sein“ mag das Credo der drei Frauen sein, die sich einmal im Jahr irgendwo in Deutschland treffen, um zusammen auf Wanderschaft zu gehen. Zwischen Entdeckung, Entschleunigung und Verbundenheit – die Natur wird zum gemeinsamen Erlebnisraum. Vier Tage Auszeit in der Sächsischen Schweiz.


Wir haben schon unzählige Kilometer gemeinsam bestritten und doch ist es immer wieder gleich aufregend, wenn wir früh morgens mit unseren drei gepackten Rucksäcken am Auto stehen, den letzten Frühstückshappen gerade erst heruntergeschlungen, die eine checkt noch einmal die Route, während die andere schon das Navi montiert. Entspannte Stille kurz vor Abfahrt. Alle drei grinsen zufrieden vor sich hin. Nun geht es also wieder los. Auf, in unser nächstes kleines Wanderabenteuer. Ein kleines Freundschaftsritual, das wir uns jedes Jahr gönnen. Und das uns mit jedem Schritt über Wiesen, Berge und Täler noch einmal mehr zusammen zu rücken scheint. Ob zu uns selbst oder zu anderen: Was unser Alltagstrubel sonst an Distanzen schafft, mag diese kleine Auszeit schnell wieder aufzulösen. Auf Reisen ist man sich näher als sonst.

Erlebnisraum Sächsische Schweiz

„Mmh, hier ist es schön“ – kein anderer Satz mag in diesen Tagen häufiger unsere Lippen verlassen haben als dieser. Freunde der Wanderlust finden in der Sächsischen Schweiz südöstlich von Dresden eine der spektakulärsten Landschaften in ganz Deutschland. Jedes Jahr locken Elbsandsteingebirge und Nationalpark unzählige Naturbegeisterte aus nah und fern an und doch findet man dort vor allem eines: Viel Ruhe auf natürlichen Pfaden. Wie stille Zeitzeugen thronen die bizarren Felsformationen inmitten der saftig grünen Wälder. Sie tragen Namen wie Pfaffenstein, Lilienstein oder Königstein. Übertrumpft werden sie allerdings vom höchsten: dem Großen Zschirnsten mit 562 Meter über dem Meeresspiegel. Soweit das Auge reicht, erheben sich dicht bewaldete Tafelberge und frei stehende Sandsteinfelsen. Vorbei an pittoresken Städtchen, schlängelt sich die Elbe wie ein blaues Band durch das schluchtenreiche Tal. Wer auf seiner Wanderroute den Blick in die Ferne schweifen lässt, entdeckt in den rund 1.100 Felsen vielleicht den einen oder anderen Kletterer.

Wer meint, die Sächsische Schweiz sei nur etwas für ambitionierte Wandergesellen, der täuscht. Erfahrene wie auch Anfänger finden in dem riesigen Wandernetz unzählige Routen aller Schwierigkeitsgrade. Besonders beliebt: Der berühmte Malerweg, der zu den schönsten Plätzen im Elbsandsteingebirge wie dem Basteifelsen, zur Felsenbühne Rathen oder zur Festung Königstein führt. Ob Naturliebhaber, Wanderer oder Kletterer – wer hier einmal einen Streifzug gewagt und vielleicht sogar einen Gipfel erklommen hat, kann sich dem Zauber dieser überwältigenden Naturkulisse nicht mehr entziehen.

Unterwegs entdeckt 

Wandern heißt, sich treiben lassen. Und manchmal gelangt man gerade durch diese Art des Gehens an Orte, die eigentlich nicht auf der Route standen. So wie beispielsweise dieses Stückchen Ortsgeschichte: Die historische Mühle mit Brotbäckerei in Schmilka. Einst 1665 errichtet, ist sie das älteste Gebäude in dem kleinen Örtchen an der Elbe. Fast fußläufig zur Tschechischen Grenze gelegen, wurde sie um 1800 häufig auch von Malern und Durchreisenden als Gasthaus und Nachtquartier besucht. Im 19. Jahrhundert verlor sie allerdings an wirtschaftlicher Bedeutung und wurde schließlich geschlossen. Lange Zeit standen Mahlmühlerei und Brotbäckerei still, bis sie im September 2012 nach originalgetreuer Wiedererrichtung ihre Seele zurückbekommen haben. Angetrieben von der stärksten Quelle der Sächsischen Schweiz, drehen sich seither die Mühlen wieder und Bäckermeister wie auch Müllersleute führen nicht nur mehrere hundert Jahre Tradition weiter fort – sie lassen sich auch über die Schulter schauen. Jeden Tag mahlen sie ökologisches Korn zu feinstem Mehl, backen im historischen altdeutschen Holzbackofen und geben Besuchern einen Einblick in die überlieferte Handwerkskunst.


Auszug aus dem Text. Text und Bild: Sabrina Lieb. Erschienen im Auszeit Magazin 05/2016. Das aktuelle Magazin sowie alle bisherigen Ausgaben kann man hier bestellen.