Den Rücken krumm gebuckelt

Den Rücken krumm gebuckelt

Ein verspannter Nacken, Kreuzschmerzen, Hexenschuss, Verschleißerkrankungen oder gar ein Bandscheibenvorfall – Erkrankungen an Rücken und Wirbelsäule sind der häufigste Grund für Fehltage am Arbeitsplatz und führen im schlimmsten Fall zum vorzeitigen Ausscheiden aus dem Berufsleben. Mit welchen Rückenbeschwerden Arbeitnehmer besonders zu kämpfen haben und was Unternehmen zur Rückengesundheit ihrer Mitarbeiter beitragen können.


Unser Rücken ist ein komplexes Wunderwerk aus Wirbeln, Gelenken, Bändern, Bandscheiben und Muskeln. Erst ihr Zusammenspiel gibt ihm Halt und Bewegungsfreiheit. Schwere körperliche Arbeit, einseitige Belastung, schlechte Haltung, mangelnde Bewegung bis hin zu psychischen Anspannungen können hingegen zu Problemen an unserem Haltungs- und Bewegungsapparat führen. Und die sind in unserer modernen Gesellschaft nicht selten: Rund 85 Prozent der Bevölkerung hat mindestens einmal im Leben Rückenprobleme. Jeder dritte Deutsche ist aktuell davon betroffen. Das schlägt sich auch auf dem Arbeitsmarkt nieder: Etwa sieben Prozent der Erwerbstätigen sind innerhalb eines Jahres wegen Rückenproblemen krank geschrieben. Mit der hohen Anzahl an Arbeitsunfähigkeitstagen liegen Rückenerkrankungen seit Jahren an der Spitze aller Krankheitsarten und verursachen einen erheblichen Ausfall an Produktivität. Die Krankheitskosten werden auf rund 25 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Damit zählen sie zu den teuersten Erkrankungen überhaupt.

Die Sache mit dem Kreuz – womit Arbeitnehmer besonders zu kämpfen haben

Rückenschmerzen sind meist eine Folge des Lebensstils, der typisch für unsere moderne Gesellschaft geworden ist: Zu langes Sitzen, zu wenig Bewegung und eine zu hohe körperliche und psychische Belastung durch verschiedenste Stressfaktoren. Während die einen immer mal wieder für kurze Zeit unter Schmerzen leiden, nimmt bei anderen die Krankheit einen ungünstigen Verlauf. Es kommt zur Chronifizierung mit schweren Beeinträchtigungen in Privatleben und am Arbeitsplatz bis hin zum frühzeitigen Ausscheiden aus dem Berufsleben. „Die Anzahl der Beschwerden ist hoch“, erklärt Privatdozent Dr. Michael Ruf, Chefarzt am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach. Das Akutkrankenhaus mit dem Schwerpunkt Wirbelsäulenchirurgie ist für viele Menschen mit Rückenproblemen meist der letzte Ausweg. Über 1.000 Patienten werden hier pro Jahr operiert.

Besonders betroffen sind Arbeitnehmer im Baugewerbe, in Pflegeberufen und zunehmend auch in der Dienstleistungsbranche. Die Ursachen für Rückenbeschwerden sind dabei vielfältig: „Neben physischen Belastungen wie schwere körperliche Arbeit, langes über Kopf arbeiten oder das Einwirken von Vibrationen können auch psychische Faktoren wie beispielsweise Stress, Termindruck, Angst vor Arbeitsplatzverlust oder eine permanente Unter- oder Überforderung auf den Rücken schlagen“, so der Rückenexperte. Diese Patienten schränken ihre Aktivitäten meist immer mehr ein, entwickeln eine übersteigerte Schmerzaufmerksamkeit und leiden häufig auch unter Depressionen. Langjährige Rückenerkrankungen sind damit oft auch Teil eines komplexen Krankheitsbildes, das durch das parallele Auftreten einer psychischen Erkrankung gekennzeichnet ist.

Unter dem Begriff „Dorsopathien“ unterscheiden Mediziner zwischen verschiedenen Krankheiten am Rücken, die in entzündliche und degenerative Erkrankungen der Wirbelsäule, Bandscheibenschäden sowie unspezifische Rückenerkrankungen eingeteilt werden können. „Gemessen an den Arbeitsunfähigkeitstagen im Betrieb verursachen degenerative Erkrankungen der Wirbelsäule, wie z.B. Bandscheibenschäden, etwa ein Viertel der Rückenerkrankungen. Quantitativ am bedeutendsten sind die unspezifischen Rückenschmerzen, bei denen die Betroffenen lediglich unter einem Symptom – dem Rückenschmerz – leiden, bei dem sich aber kein wegweisender, krankhafter Befund finden lässt“, erklärt Dr. Ruf.

Wer die Zeichen seines Körpers ignoriert, riskiert fatale Folgen

Jahrelange Fehlhaltungen schränken nicht nur zunehmend die Gesundheit, Belastbarkeit und Produktivität von Arbeitnehmern ein, sie können auch fatale gesundheitliche Folgen haben und unter Umständen zu einer Spinalkanalstenose führen – der verschleißbedingten Einengung des Rückenmarks – führen. Durch degenerative Prozesse können die Bandscheiben an Höhe verlieren und sich dabei die für die Wirbelsäulenstabilität wichtigen Bänder lockern. Dadurch drohen sich Wirbel und Gelenke zu verschieben. Der Körper versucht diese Instabilität und den steigenden Druck auf die Wirbelgelenke abzustützen und baut an Wirbelkörpern und -gelenken neue Knochenmasse auf. Die sogenannten Knochensporne engen wiederrum den Rückenmarkskanal, auch Spinal- oder Wirbelkanal genannt, ein und es kommt zu Schmerzen zumeist in den Beinen. Zeigen konservative Maßnahmen keine Wirkung mehr, sorgt meist nur noch eine operative Erweiterung des Spinalkanals für eine Besserung, indem Chirurgen störendes Gewebe entfernen. „Dekompressionen aufgrund von Spinalkanalstenosen gehören zu den häufigsten Wirbelsäulenoperationen gerade bei älteren Arbeitnehmern über 50 Jahren. Nach einer ausgedehnten Dekompression müssen wir die Stabilität der Wirbelsäule erst wiederherstellen. Dazu greifen wir auf Versteifungsoperationen oder bewegungserhaltene Verfahren zurück“, so Dr. Ruf. Viele Patienten hätten zunächst Angst vor Bewegungseinschränkungen oder reduzierter Belastbarkeit. Eine kurzstreckige Versteifung führt jedoch zu keiner spürbaren Bewegungseinschränkung. Ganz im Gegenteil: Sie bewegen sich oft besser, weil sie schmerzreduziert oder gar schmerzfrei sind.

Vom eigenen Umgang mit den Beschwerden

Rückenschmerzen können das körperliche Wohlbefinden und die Lebensfreude empfindlich beeinträchtigen. Wichtig ist jedoch zu wissen, dass in den meisten Fällen keine wirklich ernsthafte Erkrankung zu Grunde liegt. Vielmehr ist es so, dass gerade diese Angst die Beschwerden verschlimmern kann. Die Betroffenen nehmen meist eine Schonhaltung ein, die wiederum zu neuen Verspannungen und Schmerzen führt. „Inaktivität ist kontraproduktiv! Grundsätzlich gilt bei akuten Schmerzen: Innen ruhig und außen in Bewegung bleiben“, so Dr. Ruf. Um den Genesungsprozess zu beschleunigen, könnten Betroffene eine Reihe an unterstützenden Maßnahmen ergreifen, wie beispielsweise das Wärmen der schmerzenden Stellen. Noch besser ist es, Rückenschmerzen gar nicht erst entstehen zu lassen. „Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz“ – eine gut aufgebaute Muskulatur des Bewegungsapparates ist dabei die beste Garantie dafür, dass unser Rücken auch starken körperlichen Belastungen standhält. Ideal sind regelmäßige Bewegung, ein ausgewogenes Training der Rückenmuskulatur und die ergonomische Anpassung des Arbeitsplatzes. Bei chronischen Schmerzen können Strategien zur Schmerzbewältigung wirksame Linderung verschaffen. Arbeitnehmer, die unter starken psychische Belastungen leiden, sollten ihre Beschwerden neben der direkten Arbeit am Körper mit psychotherapeutischen Maßnahmen auffangen und sich im Erlernen von Entspannungstechniken üben.

Wer viel im Sitzen arbeitet, kann mit einfachen aber effektiven Übungen täglich zu seiner Rückengesundheit beitragen. Dabei gilt: Regelmäßiger Positionswechsel entlastet die Gelenke, verhindert einseitige Haltungen und schmerzhafte Muskelverhärtungen. Die Schreibtisch- und Sitzhöhe sollte dabei aufeinander abgestimmt sein. Die Füße stehen flach auf dem Boden. Ober- und Unterschenkel bilden im Idealfall einen rechten Winkel. Für eine aufrechte Kopfhaltung sollte der Monitor gerade zum Körper ausgerichtet und der Bildschirm so positioniert sein, dass die Oberkante mit den Augen abschließt oder einen Tick darunter liegt. Was wir häufig vernachlässigen: gerades sitzen! Dazu regelmäßig die Sitzposition überprüfen und Übungen zur Muskelanspannung und -entspannung durchführen. Wer es schafft, die Übungen wie die tägliche Kaffeepause zu einem Ritual werden zu lassen, ist bereits auf dem richtigen Weg.

Prävention von Rückenbeschwerden – auch eine Frage von Verantwortung im Unternehmen

Jeder ist seines Glückes eigener Schmied. Die Verantwortung für einen gesunden Rücken liegt in erster Linie bei jedem Arbeitnehmer selbst. Aber auch für Unternehmen bedeuten die steigenden Mitarbeiterausfälle aufgrund von Rückenerkrankungen ein neues Umdenken. Um ihre personellen Ressourcen zu schützen, müssen sie aktiv werden. Die Prävention von Rückenproblemen stellt damit eine zentrale Aufgabe in Projekten zur betrieblichen Gesundheitsförderung dar. Besonders erfolgreich zeigen sich Ansätze, die das Betriebsklima, die ergonomischen Bedingungen und die Situation im Bereich der Arbeitsorganisation gleichermaßen verbessern. Der nachgewiesene große Einfluss physischer und psychosozialer Risikofaktoren bei der Arbeit lässt darauf schließen, dass sinnvolle Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung eine große Wirkung bei der Prävention von Rückenerkrankungen erzielen können. Arbeitgeber haben es dadurch auch selbst in der Hand, den Krankenstand zu senken und damit erhebliche Kosten für Mitarbeiterausfälle einzusparen.

„Die meisten Wirksamkeitsnachweise liegen für Trainingsprogramme zur Erhöhung der körperlichen Belastbarkeit, zur Verbesserung der Beweglichkeit und zur Steigerung der Fitness vor. Damit lassen sich Fehlzeiten infolge von Muskel-Skelett-Erkrankungen, die Anzahl der Neuerkrankungen und die Häufigkeit des Auftretens deutlich senken. Positive Ergebnisse gibt es auch für Programme, die solche Trainings mit Veränderungen am Arbeitsplatz kombinieren“, weiß Professor Dr. Ricardo Baumann. Der Diplom-Psychologe unterrichtet Prävention und Gesundheitspsychologie an der SRH Fernhochschule. Dabei sei es wichtig, auch die Sichtweisen der Beschäftigten einzubeziehen. Eine Möglichkeit hierbei sei der Gesundheitszirkel: „Das sind Gruppen von Beschäftigten eines bestimmten Arbeitsbereichs, die sich über einen befristeten Zeitraum regelmäßig treffen. Sie sammeln Belastungsfaktoren und machen Lösungsvorschläge, und werden im Idealfall von einem erfahrenen externen Moderator gecoacht. Die Vorschläge werden dann in Abstimmung mit den Vorgesetzten umgesetzt.“

Ein Blick nach vorn: Ganzheitlicher Ansatz des betrieblichen Gesundheitsmanagements

Vielen Unternehmen ist bewusst, dass sie die Gesundheit ihrer Mitarbeiter aktiv fördern müssen, wissen allerdings nicht, wo und wie sie ansetzen können. In einem Drittel aller Unternehmen spielt betriebliche Gesundheitsförderung nach wie vor keine oder nur eine geringe Rolle. Dabei zeigt sich, dass gerade in mittelständischen Betrieben die gefühlte Arbeitsbelastung überdurchschnittlich hoch ist. Dennoch scheint es für einige Unternehmen in letzter Konsequenz schwierig, sich für ein ganzheitliches Betriebliches Gesundheitsmanagement zu entscheiden. Hier zeigt sich oft eine kostenbezogene Kritik über den Nutzen der Maßnahmen. Ein funktionierendes betriebliches Gesundheitsmanagement kann und darf sich nicht auf gelegentliche Maßnahmen der Gesundheitsförderung wie einzelne Gesundheitstage oder andere Einzelmaßnahmen beschränken. Es sollte in der Strategie des Unternehmens verankert und systematisch verfolgt werden. Wirft man einen Blick auf die Praxis, so zeigt sich oft, dass es kaum eine Definition der mittelfristigen und langfristigen Ziele gibt. Es mangelt an quantitative Zielgrößen, die das Verhältnis der Kosten einer möglichen Therapieleistung, wie zum Beispiel eines Rückenkurses, zum wirtschaftlichen Nutzen abbilden. Damit fehlen den meisten Unternehmen belastbare Zahlen zur Kosteneffektivität der Gesundheitsmaßnahmen. Nachhaltigkeit bedeutet aber immer, Kennzahlen zu definieren und zu generieren, um damit weitere Aktionen ableiten zu können. Eine Erfolgskontrolle der Maßnahmen ist daher perspektivisch notwendig, damit die gesundheitsfördernden Maßnahmen im strategischen Management Platz finden und nachhaltige Wirksamkeit zeigen. Wer mit dieser langfristigen Investition ins Unternehmen auch betriebswirtschaftlich präventiv handelt, wird am Ende nicht nur auf Grund der geringeren Krankheitstage, sondern auch als attraktiver Arbeitgeber mit einer gesunden, motivierten Belegschaft, massiv profitieren.


Erschienen im FAZ Gesundheitsmanager Magazin Mai 2016. Artikel als PDF lesen

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.