Einmal um die Welt und
dann zu mir

Wie ist das, wenn man sein halbes Leben lang um die Welt reist, in fremde Kulturen eintaucht, sich immerfort im Wechselbad zwischen Ankommen und Aufbrechen befindet? Ein ehemaliger Architekt und Stadtentwicklungsplaner öffnet sein Fotoalbum.


Er lebt ein Leben zwischen den Welten. Nach über 30 Umzügen rund um den Globus hat Guido Ast noch immer kein Ruhekissen gefunden. Der ehemalige Architekt und Stadtentwicklungsplaner aus Heidelberg ist zwar schon längst in seinem wohlverdienten Lebensherbst angekommen und doch treibt es ihn gemeinsam mit seiner Frau Inge noch immer in die weite Welt hinaus – dort, wo Neugier und Lebenshunger ihre Antworten finden. Zumindest vorerst.

Leben nach eigenen Maßstäben
Was heute nur noch unter dem Dach der Reiselust steht, war damals sein „ganz normaler“ Berufsalltag. Algerien, Haiti, Dominikanische Republik, Jemen, Kenia – über drei Jahrzehnte war der Mann mit dem offenen Lachen in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und hat fremde Kulturen aus nächster Nähe erlebt. „Abreisen und Verlassen, Ankommen und Einleben – wo auch immer wir landeten, musste erst ein neues Arbeits- und Lebensumfeld geschaffen werden, alte Freunde und Kollegen wurden verabschiedet, um andernorts neue zu finden“, erzählt er. Der Start und das Leben in einem fremden Land waren dabei häufig mit Stapeln von Dokumenten, Sicherheitsproblemen, Konflikten, politischen Spannungslagen und Familiensorgen gespickt. Umgeben von vielen Fragen der Ungewissheit: Schaffen wir das? Wie kommen wir durch? Wie wird es weiter gehen? Zwischen Faszination, Erfahrungen und Horizonterweiterungen, die jedes neue Terrain mit sich brachten, waren auch quälende Zwiespälte. Seine unzähligen Tagebücher, Skizzen, Berichte, Akten und Alben – sie alle sind Zeitzeugen von persönlichen und beruflichen Drahtseilakten. Reue, ein solch bewegtes Leben gelebt zu haben? Keine zu spüren. Im Gegenteil: „Natürlich war es anstrengend. Manchmal fragen wir uns noch heute, wie wir das alles geschafft haben“, erzählt Inge. Aber die Vielfalt an Erfahrungen, die unterwegs gesammelt werden konnten, die Herausforderungen vor denen sie standen, das Einleben, die Wohnungssuchen, irgendwann auch das Reisen mit Kind, und die mühseligen Behördengänge, die in jedem neuen Land auf sie warteten – sie alle haben am Ende in einen Topf eingezahlt: Leben nach eigenen Maßstäben.

Der Bauch als Kompass

Wer bin ich, wohin gehe ich und mit wem? Die drei bekannten Fragen, die sich bei der Selbstfindung wie ein roter Faden durch ein Leben ziehen, mag sich Guido Ast während seiner Reisen um die Welt weniger gestellt haben. Vielmehr war ein konsequentes „Ja“ für Neues sein permanenter Begleiter. „Unterwegs haben sich immer neue Möglichkeiten ergeben, die wir dann einfach wahrgenommen haben. Das haben wir so sicherlich nicht immer geplant. Aber warum sollten wir auch? Wir waren einfach neugierig auf das Leben dort draußen und haben uns nicht gescheut, weiter zu ziehen. Wo anders konnte es doch nur noch interessanter werden“, erzählt er amüsiert. Woher er wusste, wohin er gehen soll? „In den Momenten der Entscheidung wählten wir meist den richtigen Weg. Ob nun links oder rechts war dabei häufig eine Frage des Instinkts“, so Guido. Weniger Ratio also, dafür ein starkes Bauchgefühl, welches das Abwägen von Für und Wider im Kopf übertönte. Bewusste Fragen ans Leben stellt er sich hingegen heute umso mehr. Zum Beispiel jene: Was kann ein Leben lesenswertes hinterlassen? Guido Ast hat seine Antworten längst zwischen zwei Buchdeckeln gepackt. Vor drei Jahren hat der heute 75-Jährige eine Biografie („Man nannte mich Bwana Soko“) herausgeben, in der er seinen persönlichen Weg in die Entwicklungszusammenarbeit skizziert und über die Hürden und Herausforderungen eines Stadtentwicklers berichtet. Dabei gibt er auch einen Einblick in sein persönliches Wechselbad der Gefühle – zwischen Momenten der Freude und des Glücks, aber auch der Verzweiflung und der Angst. Leben an persönlichen Grenzen eben.

„En route“

Entwickeln heißt verändern. Und nur wer sich verändert, bleibt sich selbst treu. Auf die Frage, welches Lebensmotto ihn in den letzten Jahrzehnten stets angetrieben hat, antwortet er ganz einfach: „En route.“ Und schmunzelt. Wahrscheinlich weil er im Geiste schon wieder das nächste Ziel im Auge hat.


Erschienen im Auszeit Magazin 04/2017