Ein Meister der Understatements

Ein Meister der Understatements

Die Bilder von Andreas Franke sind akribische Detailarbeiten. Begeistert hat das auch die achtköpfige Jury beim diesjährigen Heise Kunstpreis, die den 28-Jährigen jüngst in die begehrte Endrunde geschickt hat. Damit kommt der junge Mann aus Coswig dem Siegertitel verdächtig nahe. Ein Besuch bei einem Künstler, der vorgibt, keiner zu sein. 


Wenn man Andreas Franke bei der Arbeit besucht, sollte man sich auf eine Begegnung der besonderen Art gefasst machen. Man betritt ein altes Schwimmbad unter einem Garagendach, davor thront eine Sammlung an Plastikflaschen. Im hinteren Garten befinden sich ein kleiner Teich und ein Dutzend Enten, die in aller Entspanntheit durch die Gegend watscheln. Im gleichen Modus scheint auch er zu sein. In Latzhosen schlendert er umher. Ein kurzer Smalltalk. Dann rümpft er die Nase. Irgendetwas stinkt hier gewaltig. Sein Blick wandert in alle Richtungen und verharrt schließlich auf dem Boden. Das Küken hat sein Ei leider nicht mehr verlassen können. Schleimig und platt wie eine Flunder liegt es in seiner Schale vor seinen Füßen.

„Hast du Angst vor Hunden?“, unterbricht er das Schweigen. Schon pfeift er nach Struppi. Kein Vierbeiner weit und breit. „Der knackt wohl grad mit dem Vadder“, kommentiert er und führt ins Haus. Dort finden sich zwei dämmrige Ateliers, beide kaum größer als eine Abstellkammer. Die zu erreichen gleicht einem Wandel durch ein Labyrinth aus dunklen Hausfluren, umsäumt von gestapelten Getränkekisten, die nahezu Deckenhöhe erreicht haben. „Ja, wir müssen hier mal im Sommer klar schiff machen“, schmunzelt der 28-Jährige. Hier verbringt der Künstler also seine kreativen Stunden? Respekt. Auf den ersten Blick kein inspirierender Ort im kleinen Coswig. Die Stadt im sächsischen Landkreis Meißen liegt rund 80 Kilometer hinter Leipzig und ist gerade mal einen Katzensprung von seiner Geburtsstadt Wittenberg entfernt. Im Kindergarten habe er angefangen zu malen. Am liebsten Dinos. Seither habe ihn die Malerei nicht mehr losgelassen. „Eine große Leidenschaft also?“, frage ich. „Eher Langeweile“, entgegnet er grinsend. „Mit irgendwas muss man sich ja beschäftigen“.

Ein Glück tut er das. Denn die Bilder von Andreas Franke sind nicht nur akribische Detailarbeiten aus Kohle und Bleistift. Sie haben jüngst auch die Jury beim diesjährigen Heise Kunstpreis überzeugt. Mit dem Sprung in die letzte Runde ist der gelernte Medientechnologe zusammen mit rund 50 weiteren Künstlern Teil der begehrten Jahresausstellung, die im Rahmen einer Vernissage mit Preisverleihung am 26. Mai 2016 ihren Auftakt feiern und im Anschluss bis zum 11. Juni 2016 sehen sein wird.

Bis zu hundert Stunden Arbeit stecken in seinen großformatigen Bildern. 2,50 Meter das Größte unter seinen bislang 300 Werken. Auf die Frage, wo die alle sind, lacht er: „Gute Frage. Die sind beim letzten Umzug wohl abhanden gekommen.“

Ob Andreas Franke auch der Sieger der diesjährigen Ausschreibung sein wird, darüber schweigt sich die Jury noch aus. Zu wünschen wäre es ihm. Schließlich gehört er seit 2007 zu den wiederkehrenden Bewerbern, die sich Jahr für Jahr künstlerisch mit einem vorgegebenen Thema auseinandersetzen. Auf die Frage, ob er sich nach all der Zeit auch selbst als Künstler sieht, antwortet er: „Nö, nicht wirklich. Aber schaden kann es ja nicht.“ Franke ist nicht nur ein Zeichentalent. Er ist auch ein Meister der Understatements.


Text: Sabrina Lieb. Herausgegeben 2016 im Rahmen des Heise Kunstpreises, einer Initiative der Karl-Heinz Heise Stiftung. Erschienen in der Mitteldeutschen Zeitung.