
„Frau Lieb, wo ist der Bus? Wo ist der Bus mit Menschen, die das interessiert, was sie da gerade geschrieben haben?“ Zugegeben, nach den Blumen am Anfang meiner beruflichen Laufbahn hatte ich einen Anflug von Zweifel, ob ich richtig abgebogen bin. Aber Niederlagen gehören zum Wachsen dazu. Und so bin ich auf meinem Weg geblieben. Zu sehr juckte es in den Fingern, Themen aufzuspüren, Botschaften zu transportieren und Geschichten in Worte zu packen. Nach den Jahren im Journalismus und in der Unternehmenskommunikation wurde es mir schließlich zu eng. Im Karussell des Funktionierens fehlte mir die gelebte Vielfalt. Und so habe ich Schritt für Schritt meine eigene Schublade gebaut, die auf meinen Antriebsfedern der Neugier, der Kreativität, der Sinnhaftigkeit und der Mitmenschlichkeit fußt. Mit der Zeit nahm das Suchen, Ausprobieren, Scheitern und Finden seine Form an und ich fand meine berufliche Heimat im Dreiklang aus Content, Kunsthandwerk und Prozessbegleitung.
Heute arbeite ich als Autorin, Journalistin und Fotografin, freischaffende Künstlerin und Keramikerin, biete Kurinuki Workshops an und begleite neurodivergente Mädchen und Frauen in meiner Rolle als Beraterin für Hochsensibilität. Ich befinde mich derzeit in Ausbildung zur somatischen Bewegungspädagogin.
Arbeiterkind, Spenderkind, Neurodivergent – ein paar Worte zum Thema Vielfalt
Für mich war es immer wichtig, möglichst viele Leidenschaften und Talente ausleben zu können, denn nur so fand ich meinen beruflichen Sinn. Und auch meine Balance zwischen kreativer Freiheit, bodenständigem Handwerk und sinnstiftender Begleitung. Als Arbeiterkind und erste Akademikerin in der Familie war dieser Weg steinig und erforderte viel Kraft und Selbstbehauptung von mir. Als sogenanntes „Spenderkind“, das in den 80er Jahren durch eine anonyme Samenspende gezeugt wurde und bis heute ohne Kenntnis eines biologischen Vaters durchs Leben schreitet, war der Drang zudem immer stark, meine Identität auch auf beruflicher Ebene zu erschließen.
Erst in meinen 30er Jahren erfuhr ich von meiner Neurodivergenz. Ein Bekannter gab mir ein Buch mit dem Titel „Außergewöhnlich normal“ von Anne Heintze in die Hand und sagte: „Ich glaube, das bist du“. Auf meiner Rückreise im Zug las ich ein paar Seiten darin und brach in Tränen aus. Endlich hatte dieses „Ich“ einen Namen. Ich verstand meine Sensibilität, meine „feinen Antennen“, die schnelle Reizüberflutung, meine Beschränkungen, aber auch meine Talente, meine starke Intuition, meine Kreativität, mein Schaffensdrang und meine innere Vielfalt. Endlich war mein Werdegang „typisch neurodivergent“ und nicht mehr falsch und fehl am Platz. Ich machte einen Hochbegabungstest und schloss diesen mit einem IQ von 140 ab. Damit wurde mir offiziell eine Hochbegabung „diagnostiziert“, für die ich mich lange Zeit geschämt habe und die dazu geführt hat, dass ich mein Licht viele Jahre „unter den Scheffel“ gestellt habe. Dabei erinnerte ich mich auch an meine Schulzeit, in der ich zumeist beobachtend unterwegs war, oft zu langsam und zu zurückhaltend und bei Klausuren manchmal mehr damit beschäftigt, mich im Hyperfokus auf die fehlende Logik und sprachliche Inkonsistenz der Aufgabenstellung zu fokussieren, als auf die Aufgabe selbst. Und dann war die Zeit auch schon um. Die eigentliche Aufgabe natürlich ungelöst. Mit solch Komplexität und zusätzlichen Denkschleifen wandert man als Kind dann schnell in die Schublade „dumm“ und verbringt seine Schulzeit auf dem Podest des gemobbten Außenseiters.
Zwischen den Ohren anders
Mit der Erkenntnis über mich selbst und der Tatsache „Zwischen den Ohren anders zu sein“ konnte ich viele Jahre an Selbstzweifel hinter mir lassen und genieße es heute sehr, in vielen beruflichen Disziplinen unterwegs zu sein, die sich gegenseitig befruchten. Dabei ist es mir ein großes Anliegen, das Thema Neurodivergenz weiter in die Welt zu tragen – weil ich weiß, wie isoliert und schmerzhaft sich Unverständnis, Inkompatibilität und Andersartigkeit anfühlen kann. Wir brauchen mehr Wissen und Verständnis für neurologische Vielfalt, keine weiteren Kinder und Erwachsenen, die unter dem Ausschluss einer Gesellschaft leiden. Jeder Mensch bringt seine ganz eigenen Besonderheiten und Stärken mit in die Welt. Sie ausbilden und ausleben zu können, ist zweifelsohne eine Frage des Systems/Umfelds, in dem er sich bewegt. Aber wie wohl sich ein Mensch in seiner Haut fühlt, ist auch eine Frage der Haltung, mit der wir unseren Mitmenschen begegnen. Hier können wir zum Glück jeden Tag nachjustieren.
Ich bin Mitglied im Verband für Neurodiversität und wirke bei MyReforest im Schwarzwald mit, einer Initiative, die sich für die Aufforstung heimischer Wälder einsetzt.
Werdegang in Fakten
* 1984 in Reutlingen
* Studium der Germanistik und Rechtswissenschaften (Eberhard Karls Universität Tübingen)
* Studium Kommunikationsmanagement (Depak Berlin)
* PR Trainee und Arbeit als Pressesprecherin (SRH Heidelberg)
* Studium Fotodesign (OfG)
* Seit 2013 Selbständig
Aus- und Weiterbildungen (Auswahl):
Humor im Blatt (Akademie für Publizistik Hamburg), Fundraising Management (Emcra), PR-Konzeption (Depak), Lektorat (Verband freier Lektor:innen Kassel), Online Marketing (Akademie des deutschen Buchhandels München)
Fachberaterin für Hochsensibilität (Biek Akademie), Naturcoaching (Wandelhaus Schwarzwald), Geführtes Zeichnen, Heldenreise, Butoh Japanisches Tanztheater (Physical Theatre Leipzig), Keramik (Privatunterricht auf der Südseeinsel Ærø/Dänemark), Gewaltfreie Kommunikation, Somatisches Basisjahr / Somatische Bewegungspädagogik (Somatische Akademie Berlin), Somatic Experience (Odenwald Institut).
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